Göttinnen

GÖTTINNEN

 

 

Haben wir nicht längst vergessen, worin Macht und Magie der Frau liegen?

Wissen“ wir (im Sinne eines Herzenswissens) was Frauen in ihrem Wesen als Frau bestimmt?

 

In ihrem Göttinnen Zyklus stellt die Malerin Stephanie Nückel diese Frage ins Zentrum ihres Schaffens.

Feinsinnig und analytisch und mit ihrer unnachahmlichen Kraft der Intuition, begibt sie sich dabei in weit abgelegenes, unerschlossenes Gelände - fernab des einschläfernden Mainstreams eines ständig beredten Diskurses über die Frau, der sie doch nur permanent verfehl.

Das eigentlich Weibliche – so die Malerin – wird in utilitaristischer Manier für gewöhnlich geglättet und funktionalisiert. Umso passionierter hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, in ihren Bildern ein versunkenes Reich wieder auferstehen zu lassen, und es in seiner glühenden Substanz zum Beben zu bringen.

Stephanie Nückels Göttinnen zelebrieren ein Fest, bei dem einem Hören und Sehen vergeht, und lodernd öffnen sie Türen zu vergessenen Ahnungen.

Zum Beispiel Lilith: Wie ein Windgeist der Nacht erscheint sie unsagbar anmutig, umgeben von einer Aura der nächtlichen, okkulten Unnahbarkeit. Als ob ein Blitz das Bild durchzuckt, erscheint hinter ihr ein ungezähmter Panter. Lächelt Lilith inmitten ihrer schönen Unheimlichkeit oder ihrer unheimlichen Schönheit – oder bewegt sich dieses Lächeln nicht schon am Rande eines Zähnefletschens? Die pure Erotik, die Nückels Lilithgemälde durchströmt, bringt den Betrachter zum vergessenen Pulschlag von Urgewalten zurück:

Das Weibliche, so gibt uns die Malerin in ihrem Lilithgemälde zu spüren, ist archaisch. Es partizipiert an Naturmächten, an lebensschützenden, gebärenden und zerstörerischen Energien.

Es nimmt nicht Wunder, dass der Mond sowohl auf dem Lilithgemälde aufleuchtet als auch auf mehreren anderen Göttinnenbildern von Stephanie Nückel, denn die Urkraft des Weiblichen ist zyklisch. Es kreist mit dem Mond, mit Tag und Nacht und unterhält eine stumme Korrespondenz mit dem rhythmischen Herzklopfen als Urquell allen Lebens.

Auf dem Gemälde der Hekate bildet der grüne Hexenkreis den Bezugsrahmen, den die Göttin tänzerisch, lockend und bedrohlich vor sich hält. Hekate die Grenzgängerin, die Wächterin der Tore zwischen den Welten, zeigt sich dem Betrachter als trage sie eine böse Maske. Kein Lächeln, kein Liebreiz, kein Gefallenwollen – im Antlitz der Hekate kulminiert eine Macht, die mit einem einzigen Atemhauch Haut, Haar und Herz versengen könnte, wenn sie nicht gleich ganz das Leben nähme, käme man ihr zu nah. Wo die Göttin entlang wandelt, öffnen sich offenbar Türen – so erzählt der Hintergrund des Bildes, doch welche Türen? Sind es Schwellen zum Hades oder zu einer nie gekannten, unermeßlich paradiesische Freiheit, durch die das Licht und der Atem strömt? Welchen Weg leuchtet Hekate aus mit der brennenden Fackel in der Hand? Im Bannkreis der Hekate lässt die Malerin Tod und Zerstörungskraft, lebenshungrigen Eros und lichtvolle Freiheit ineinander stürzen wie zwei Ströme, die untrennbar zusammengehören.

Das Weibliche, das in unserer Alltagswelt viel zu oft zur harmlosen Fassade degradiert wird, stimmt wohl ganz besonders im Hekategemälde ein Hexengelächter an. Laut lacht die Göttin zusammen mit Lakshmi, Inana, Abundantia, Ereshkigal, Artemis, Lilith und Sekhmet über das schuld- und schambeladene weibliche Cliché, das die Frau seit Jahrtausenden unter das Joch der Selbstverleugnung beugt. Als stummer Schrei steht die beschnittene und disziplinierte Weiblichkeit, die heimlich unter ihrem Joch stöhnt und ächzt und ihre besten Kräfte vergeudet, in einer geheimen Korrespondenz zu der entfesselten und entgrenzten Kraft der Göttinnen: Dreckig, laut, höhnisch, vulgär, lustverzückt, zerstörerisch, haß- und liebeserfüllt, in einer Dimension unendlichen Tiefgangs – so beschwören Stephanie Nückels Göttinen die verdrängte Seite der sittsamen Madonna herbei, ohne die sie niemals selbst zur Göttin werden kann, sondern immer nur zur gefügigen und gehorsamen Gottesgebärerin.

Eine ganz andere weibliche Energie tritt uns mit Abundantia und Lakshmi entgegen: Abundantia, die Glücksverheißende, die aus der Überfülle des Lebens schöpft, die leicht wie ein Kind ihren inneren Reichtum verschwendet und mit ihrer lachenden Inspiration alles um sich herum mit Leben und Lust infiziert. Ähnlich glücksberauscht erscheint uns Lakshmi, die große Liebende, die Gebende, deren Antlitz von einer hellen Lotosblüte überstrahlt wird. Der Lotos wurzelt im Schlamm, im Abgrund, im Dreck. Doch Lakshmi als Erdgöttin transformiert aus der Sicht der Malerin den Schlamm in Duft und in Leben. Sie wendet im Handumdrehen die Schwere in Leichtigkeit und in Schönheit.

Stephanie Nückel lockt in ihrem Zyklus ganz bewusst kulturübergreifend verschiedene Göttinen auf ihre Malgründe – aus dem sanskritischen, dem griechischen, dem römischen, und aus dem babylonischen Kontext – da es ihr um etwas Universelles geht: die Magie und das Fest der Weiblichkeit, das sich auf kein religiöses oder kulturelles System reduzieren lässt, im Gegenteil: Die Kraft der Weiblichkeit hat jedwedes System von vorne herein schon überflutet und gesprengt. Der Göttinnen Zyklus der Malerin wirft eher die umgekehrte Frage auf: Ist das Weibliche nicht eher eine der entscheidenden Bedingungen des Kulturellen und Religiösen?

Wenn die „göttliche“ und erhabene Kraft der Frau schon massenweise und ebenso universell negiert und assimiliert wird wie sie in den weiblichen Gottheiten gefeiert wird, so leuchtet uns Stephanie Nückel zumindest diesen Weg mit dem Pinsel als ihrer brennenden Fackel in der Hand aus: Das geheime Wissen über die Frau ist aufgehoben und bewahrt – wenn schon viel zu oft nicht im wahren Leben, dann zumindest im Mythos. Und den Mythos der Göttinnen erweckt die Malerin – selbst eine Magierin – zu neuem Leben und lässt ihn auferstehen, damit er sein selbstbewusstetes, und selbstgewisses Leuchten in die Welt trägt und seine befreiende und heilende Macht entfaltet.

 

Dr. phil. Jutta Czapski, Kunsthistorikerin, Kulturwissenschaftlerin| Berlin Sommer 2018

 

Circen

Circen“: Es fällt schwer ihnen auszuweichen. Den Blicken von Alba, Christal, Damina und all den anderen Frauen, die allesamt eins gemeinsam haben: Sie sind schön. Schön im klassischen Sinne, nach dem Idealtypus: feine, symmetrische Gesichtszüge, ebenmäßige Haut und große Augen. Und so ziehen sie uns in ihren Bann, der unsere Konzentration strudelnd wie ein Sog ergreift. In „Above“ ist es ein Augenpaar, das uns aus der Bildmitte heraus direkt anschaut. Die außergewöhnliche Perspektive entbindet uns vom Eindruck eines realen Bildraums – so wirkt es als komme das Gesicht uns aus dem grünen Umfeld heraus entgegen. Arme und die beschwingten Linien des Kleides deuten eine Drehbewegung an – in der Imagination können wir uns vorstellen, wie sie sich um ihre eigene Achse dreht, einer hypnotischen Spirale gleich, die uns in einen pulsierenden Zeitfluss mitreißt, in dem es keinen Anfang und kein Ende gibt.

 

Die Frauen scheinen seltsam vertraut. Irgendwo irgendwann haben wir sie vielleicht schon einmal gesehen? Tatsächlich greift Stephanie Nückel hier auf aktuelle Werbegesichter zurück, wie wir sie täglich in den verschiedensten Printmedien abgedruckt und auf den Fernsehbildschirmen uns anlächelnd finden. Ihr Auftritt in der Welt der Werbung ist normalerweise homogen. Stets die üblichen weiblichen Geschlechtsrollenstereotypen widerspiegelnd, preisen sie anmutig und mit jugendlicher Frische die verschiedensten Produkte an. In der Inszenierung von mehr Schein als Sein wird die werbende Person zur profanisierten Heiligen. Und ganz nebenbei wird auch eine Betrachtung der Welt mit ihren vielfältigen Formen des Lebens ausgeklammert.

 

Stephanie Nückel hinterfragt diese einseitige Perspektive auf das Bild der Frau, in dem sie die Blutleere der Models konterkariert und die Schönen zum Leben erweckt. Mit malerischen, ausdrucksstarken Pinselzügen verleiht sie den Figuren eine eigenständige Präsenz, gibt ihnen eine Existenz, die nicht länger auf einen rein makellosen und perfekten Glanz abzielt. Weniger Objekt – mehr Subjekt; Weniger charakterlos – mehr individuell; weniger gefällig – mehr autark... doch sie sind nach aller Wandlung vor allem eins: unnahbar. Ja vielmehr noch – die grellen, kühlen Farben lassen sie in einem eisigen Hauch von Ablehnung uns Betrachtern gegenüber erscheinen.

 

Sinnlich-bedrohliche Verführerinnen lauern in den Bildern von Stefanie Nückel an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Posen. „Und ewig lockt das Weib“ – ob im Wald oder im Salon, sie alle geben dem

 


Auch stellt sich die Frage, ob ihre Anziehungskraft in der Rolle als Werbe-Ikonen nur auf Männer wirkt und nicht ebenso auf Frauen? Denn dem Wunsch, von einer solchen Frau verführt zu werden, kann gleichsam der Traum zur Seite gestellt werden, selbst schön und mächtig zu sein. Einmal so sein wie sie: Einfluss auf unser Gegenüber zu haben... das ist wohl eine Fantasie, die viele dann und wann einmal beherrscht.

 

Stephanie Nückel greift in freier Interpretation die Figur der Zauberin Circe auf, der Odysseus und seine Männer auf ihrer langen Reise Homers Dichtung zur Folge auf der Insel Aiaia begegnen. Auf prunkvollen Stühlen und mit köstlichen Speisen empfing sie Odysseus Gefolgschaft mit vermeintlich gastfreundschaftlicher Herzlichkeit. Doch kaum hatten sie gegessen, wurden die Männer von ihr in Schweine verwandelt. Vielleicht wäre auch Odysseus der mächtigen Zauberin verfallen, wenn nicht der besonnene Eurylochos, Schlimmes geahnt und sich von Circes Verführungskünsten distanziert hätte. Aber welche Rolle hat Stephanie Nückel für uns Betrachter vorgesehen?

 

Und damit komme ich noch einmal zurück zum Anfang meiner Rede: Vielleicht können auch Sie sich retten... Aber retten wovor eigentlich? Stephanie Nückel fordert das Hinterfragen unserer eigenen Position ein. Steigen wir vollkommen in das Geschehen auf der Leinwand ein oder betrachten wie es von außen? Lassen wir uns täuschen oder Durchschauen wir das Verführungsspiel? Mit malerischen Mitteln dekonstruiert sie das Bild von der schönen aber objekthaften Darstellung der Frau und zeigt somit eine andere, wilde und erotische Seite ihres Selbst auf. Diese Andersartigkeit von Weiblichkeit („Andersartig“ weil „selten gezeigt“) bricht und demaskiert die konventionellen Sichtweisen, sie verunsichert aber auch: Sind diese Circen nun unsere Verbündeten oder unsere Gegnerinnen? Mit einer gewissen Distanz, aus der auch Eurylochos die drohende Gefahr erkennen konnte, haben wir eine Möglichkeit, uns vor der zerstörerischen Kehrseite des schönen Scheins zu retten. Dann erkennen wir vielleicht, mit den Worten Stephanie Nückels ausgedrückt, welche Ängste und „Bedürfnisse (...) nicht unbedingt unsere sind, (...) Haltungen und Verhaltensweisen, die uns nicht zuträglich sind.“

 

 Auszüge aus der Laudatio von Meike Su zur Ausstellung "Rette sich wer kann - Circen und andere
Zauberwesen!" von Stephanie Nückel im Kunstverein Achim 29.5.2016

Hasen

 

 

Rette sich wer kann!

 

 

 

Ist er ihnen schon einmal begegnet, der Unbekannte im Hasenkostüm....? Der, der sich – süßlich lächelnd oder grotesk grinsend – als lustiger Geselle ausgibt, um im Supermarkt, auf Kinderfesten oder wo auch immer Kinder zu bespaßen? „Das ist doch nur der Osterhase, alles gut! Da gibt’s doch keinen Grund zu weinen! Lach doch lieber, ...los, nun lach schon!“

 

 

 

Durch Zufall stieß die Malerin Stephanie Nückel bei einer Internetrecherche auf Fotos dieser speziellen, amerikanischen Art der Kinderbespassung und nahm sofort den Irrwitz der Situationen wahr:
„Thema meines Bilderzyklusses ist das grundlegende Missverständnis. Einer hat eine Idee, was für den anderen gut sein könnte und hilft es ihm über“, erklärt sie. „Dabei geht er mächtig über den anderen hinweg. Und das wahrscheinlich unbeabsichtigt im besten Glauben, dem Anderen eine Freude zu machen.“ Dabei geht der Irrwitz über das Hasenspiel weit hinaus. Der Unbekannte im Hasenkostüm mit dem verstörten Kind erscheint eher wie ein Hohlspiegel, in dem sich etwas Grundsätzliches und Unsichtbares konkretisiert: „Lieb gemeinte Gewalt“, ist für die Malerin das thematische Zentrum ihres Bilderzyklusses. Sie spricht damit eine verbrämte, subtile Form von Gewalt an, die stets verkleidet daherkommt, mit freundlicher Fassade .Durch diese ist es meist unmöglich, sie rechtzeitig zu erkennen, geschweige denn, ihr zu entkommen. Stephanie Nückel offenbart in diesem Zyklus ein gesellschaftlich hoch brisantes Thema. Sie öffnet die Büchse der Pandorra und reißt die tarnende Fassade mit ihren Farben und Pinseln von einem allgegenwärtigen Irrwitz, indem sie gerade seine Verhüllung malt, - ihn also doppelt verhüllt.

Gerade dadurch aber zeigt sie das eigentlich Groteske der Szenerie: die ins Liebliche und Spielerische verkehrte Perversion, das Machtspiel, den weitgreifenden Missbrauch. Er liegt in der Korrumption der Freiheit des Anderen: Der Andere wird Teil der eigenen Machenschaften, des eigenen Systems. Das unverwechselbar Andere des Anderen, seine Einmaligkeit und seine eigene Bedürftigkeit werden nicht wahrgenommen.

 

In Stephanie Nückels Bilden wird der stumme Blick der Kinder zum sprechenden Gegenpart, zum ohn-mächtigen Widerstand. Einzig der Blick stört das Spiel und lässt es ins Leere laufen. Wer ist der Unbekannte im Hasenkostüm und wer ist das Kind? Bin ich es oder bist du`s?

 

Wo geht das unerkannte Schreckensgespenst des Hasen um? Im gesellschaftlich öffentlichen Raum oder auch im allerprivatesten Bereich, den Beziehungen? „Überall“, sagt die Malerin, „stößt man auf seine Spur. Permanent glaubt jemand zu wissen, was für einen anderen gut ist, überwältigt und überrollt ihn damit.“ Bezeichnend ist, dass es unmöglich ist zu wissen, wer sich überhaupt unter dem Hasenkostüm verbirgt. Es geht hier gerade nicht um eine Beziehung von Angesicht zu Angesicht, deren Grundlage gegenseitige Achtung wäre. Der eine verbirgt sein Gesicht und lässt sein Gegenüber im Dunkeln tappen, was das Machtgefälle noch unterstreicht.

 

Manche Hasenmasken, so scheint es, bringen das trickreich Harmlose zum Kippen, und offenbaren eher etwas über die Motive der verborgenen Person. Variantenreich entfächert sich im Bilderzyklus der Malerin das gewaltvolle Spiel: Mal scheint es eher ungewollt und unbewusst abzulaufen, mal tritt die Lust an der Gewalt durchaus bewusst – immer aber getarnt – auf.

 

Durch die Art der Gestaltung der Hintergründe interpretiert Stephanie Nückel die jeweiligen Szenarien und kommentiert sie somit: „Ich habe mich gefragt, was die Farben des Wahnsinns sind“, erzählt die Malerin „Auf manchen Bildern ist der Hintergrund poppig süß und klebrig. Er erinnert an amerikanische Süßigkeiten, Zuckerwatte und Ostereier.“ Auf anderen Gemälden bricht diese verharmlosende Atmosphäre auf, und etwas bräunlich Schlammiges tritt ins Bild, als sei es nicht mehr zurückzuhalten. Auf einem anderen Gemälde löst sich auf, was unsere Realität konstituiert: Zeit und Raum. Der Boden gerät ins Wanken und dunkle Gestalten treten hervor. Ganz weg gefallen ist die poppige Fassade auf einem Gemälde, auf dem nur noch ein Hase zu sehen ist – ohne Kind. Die Malerin zeigt ihn in seiner eigenen Unheimlichkeit und Verlorenheit und durchbricht damit das Klischee von Gut und Böse, Opfer und Täter: Der Hase wird auf diesem Bild zu seinem eigenen Opfer.

 

Als Kulminationspunkt des Zyklusses steht er herausfordernd vor dem Betrachter und tritt mit ihm in einen stummen Dialog.

 

M.A. Jutta Czapski, Kunsthistorikerin, Kulturwissenschaftlerin

 

Berlin, Januar 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschichten

Die Existenz ist anderswo“

 

(Andre Breton)

 

 

 

„Ich bin eine durchlässige Person und schöpfe aus dem, was mich angeht“

 

(Stephanie Nückel)

 

 

 

Jedes Mal bekomme ich Reiselust, wenn ich vor den Bildern der Malerin Stephanie Nückel stehe.

 

Ich möchte am liebsten alles hinschmeißen, hier und jetzt, und sofort aufbrechen. Wohin? Keine Ahnung. Bilder sprechen bekanntlich nicht, aber Stephanie Nückels Bilder rufen trotzdem. Stumm und wild fordern sie mich heraus – „steh auf, komm, betrete die entlegenen Wege, das unbekannte Land.“

 

Der Ruf, der den Betrachter mit einem Handgriff im Innersten packt und zugleich unsichtbar und distanziert bleibt, ist die transformierte Energie, aus der Stephanie Nückels Bilder entstehen.

 

Sie selbst bezeichnet ihre Kunst als durchweg existenziell und sagt, dass sie ihre Themen nicht sucht – im Gegenteil: Die Themen gehen sie an, drängen sich ihr auf, und indem sie sie verbildlicht, drängen sie sich ins Bewusstsein. Das Angehen ist dabei ganz wörtlich zu verstehen: Martin Heidegger machte seinerzeit schon darauf aufmerksam, dass uns nur das wirklich etwas angeht, was uns vorher im ganz wörtlichen Sinne an-gegangen ist.

 

Das genau ist das Verstörende und Einzigartige an Stephanie Nückels Malerei: Ihre offene Berührbarkeit für all das, was sie wirklich an-geht und sich ihr aufdrängt. Ein sphinxhaftes Existenzrätsel entfaltet sich dem Betrachter beim Anblick ihrer Bilder, denn die Malerin lotet Grenzgänge aus: Einmal begibt sie sich auf die Nachtseite des in die Welt geworfenen Daseins und malt es in seiner Einsamkeit und Heimatlosigkeit, seiner destruktiven Macht und seiner dunklen Magie. Dann wieder lichten sich die Wolken, die Zeit läuft langsamer. Stephanie Nückels Figuern, scheinen zu verweilen und zu warten – auf was? Man weiß es nicht. Im nächsten Moment präsentieren sie sich verhüllt, maskiert – und enthüllen sich gerade deshalb, enthüllen sich als permanent Suchende nach dem eignenen Ich, dessen sie sich niemals sicher sind. Als ephemere Schattenwesen schlüpfen sie in verschiedene Rollen, manchmal wie auf einer Bühne, manchmal im Verborgenen, auf das die Malerin den Blick frei gibt.

 

Stephanie Nückels Bilder haben darum die Kraft, den Betrachter zu rufen, weil sie mit Herzblut gemalt sind, aus Dringlichkeit.

 

Die Thematik ihrer Kunst entspricht dem Gestaltungsprozess. Wenn Stephanie Nückel malt, hat die Intuition die der Traumsprache ganz nah ist, das Ruder übernommen:

 

Mal waten Frauengestalten durch ein unwegsames Moor Irrlichter, 2009), mal zähmt eine Reiterin ein häßliches, wildes Tier (Riding the Beast, 2013), und dann wieder, vor Lust und Begierde überschäumend – präsentiert sich ein Satyr (Faun 2011).

 

„Die Existenz ist anderswo“ formulierte einst André Breton die Tatsache, dass sich jenseits unseres alltäglich evidenten Lebens noch ganz andere Hinter- und Unterwelten abspielen. Die Surrealisten hielten sie für das eigentliche Zuhause des existenziellen Lebens und begaben sich bekanntlich programmatisch auf die Suche nach den Lavaquellen des Daseins.

 

Stephanie Nückels Malerei verfolgt kein Programm, nichts wird ihr zum Projekt, der Weg ist nicht vorgegeben: „Ich bin immer unterwegs, immer auf der Suche“, sagt sie.

 

Leben und Kunst sind untrennbar verbunden für die Malerin. Das spiegelt sich in ihrer Malerei wieder, die darum wie ein permanenter Erneuerungsprozess erscheint, ohne sich festzufahren oder jemals ihre Frische und Brisanz zu verlieren.

 

Weit davon entfernt, Nabelschau zu betreiben, reagiert Stephanie Nückel in ihrer Kunst immer auch auf ihre Umwelt, auf den ihr begegnenden Anderen, aber auch auf politische Stimmungen, die auch sie betreffen:

 

Im dreiteiligen Zyklus „for faith you pay, for love you pay, for hope you pay (2012)“ stellt sie den berühmten alttestamentarischen Glaubenssatz aus dem Paulusbrief zynisch auf den Kopf. Der Zyklus ist ihr politisches Statement bezüglich der Situation Berliner Künstler und Künstlerinnen, die größtenteils einen harten Existenzkampf führen.

 

Auffällig ist, dass sich ihre Kunst – bei aller Weite der Themen – immer wieder zu einem konzentrischen Kreis verdichtet: das Rätsel des Weiblichen. Die Malerin bricht dabei mit Cliches und räumt mit typisch weiblichen Rollenerwartungen gründlich auf. Was sie wirklich interessiert, ist die entfesselte und befreite Macht weiblicher Erotik in all ihren Erscheinungsformen.

 

Man wird den Eindruck nicht los, dass Stephanie Nückel dabei selbst einen Befreiungskampf führt und immer wieder aufs Neue die Schichten von kulturell Tradiertem abträgt, mit denen sie gleichzeitig herausfordend spielt.

 

In aller Offenheit und Durchlässigkeit verfolgen Stephanie Nückels Bilder eine Vision: „Ich bin immer auf der Suche nach der Schönheit,“ umschreibt sie das, was sie stetig antreibt.

 

Auch wenn es längst Konsenz der Ästhetik ist, dass es unmöglich ist zu wissen, was das Schöne ist, so war es schon immer Sache der Künstler, Ahnungen zu entwickeln und die Spur des Schönen ausfindig zu machen.

 

Für Stephanie Nückel ist das Schöne zugleich auch häßlich, es hat Tiefe, es entblößt sich.

 

Und immer – so scheint es in ihrer Kunst – kommt es mit Stolz daher, oder besser gesagt mit der Würde eines verlorenen Königskindes:

 

Die Frauen und Männer, Faune und Furien, Prinzessinen und Elfen, Magier und Maskenträgerinnen ihrer Bilder streunen umher in windigem Gold und rufen zum Aufbruch und Aufruhr. Wenn es überhaupt möglich ist, so etwas wie eine Botschaft ihrer Kunst zu formulieren, so könnte sie in einer Erinnerung liegen, und zwar Er-Innerung im ganz wörtlichen Sinne: Wer sich auf die Kunst von Stephanie Nückel einlässt, kommt auf eine ganz neue Weise in Kontakt mit dem eigenen inneren Leben, mit den leisen, kaum wahrgenommenen oder halb vergessenen Ahnungen, die sich beim Anblick ihrer Bilder zur Reiselust wandeln.

 

Beim Aufbrechen wird mir auf einmal bewusst, dass ich auch noch jede Menge Wegzehrung mitbekommen habe, nämlich das Gefühl in ihrem Werk angenommen zu sein, gerade im unwegsamen und zerrissenen Gelände meiner Wege.

 (M.A. Jutta Czapski, Kulturwissenschaftlerin, Doktorandin der Ästhetik, Humboldt Universität Berlin)